Dr. Reinhard Schmitt & Kollegen

Veränderung mit Hirn

von Arvid Leyh

Ihr Eindruck mag ein anderer sein, aber das Gehirn ist tatsächlich auf Veränderung ausgelegt. Muss es auch, denn nach einigen Millionen Jahren Erfahrung in praktizierter Evolution zeigt sich: die Welt da draußen neigt zu plötzlichen Richtungswechseln, und nicht jeder ist zum eigenen Guten. Da entwickeln alte Fressfeinde neue Tricks, andere kommen hinzu und überraschen mit ungekannten Strategien. Der 1000 Mal gehörte Spruch, dass das einzig Beständige der Wandel sei, übersetzt sich evolutionär in die Begriffe Variation und Selektion. Und jedes Gehirn - auch das Ihrer Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten - kann damit umgehen.

Dass es so einfach nicht ist, wissen Sie selbst. Die Veränderung, die Sie beschäftigt, bezieht sich nicht auf schnelles fight-or-flight, sondern verkompliziert sich durch die Größe unseres Hirns. Die verdanken wir primär der Tatsache, dass der Mensch ein Rudelwesen ist - und wann immer wir mit anderen zu tun haben, wird es kompliziert: Hell is other people. So achten wir sehr genau darauf, wie wir behandelt werden, wir sorgen uns um unseren Status (Hackordnung), orientieren uns an dem, was die anderen machen (Herdentrieb), und wir werden - im schlimmsten Fall - depressiv, wenn wir keine Handlungsmöglichkeit sehen (Selbstwirksamkeit).

All das schlägt sich nieder in veränderten Zuständen des Gehirns - einer der Gründe, warum sich das Bild des Menschen in den letzten Jahren sehr gewandelt hat. An den neuen Erkenntnissen aus Evolutionspsychologie, Verhaltensökonomie und natürlich den Neurowissenschaften müssen sich bekannte Wahrheiten messen lassen, hier bekommen neue Vorgehensweisen Gewicht.

Grundlegend gewandelt hat sich beispielsweise der Blick auf die Emotionen. Heute wissen wir, dass sie als Bewertungen einer bestimmten Situation zu verstehen sind und zunächst völlig unbewusst stattfinden. Oft machen sie sich als Bauchgefühl breit, aber in jedem Fall bilden sie die Grundbausteine von Entscheidung, Bewusstsein und Geist. Speziell bei Entscheidungen ist das alles andere als trivial, denn wo wir bisher vernünftiges Handeln erwarten - besonders bei Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten - zeigt sich, dass genau dieses erst im Nachgang von Emotionen geschieht. Und auch wenn Intuition in letzter Zeit als Begriff stark strapaziert und vereinfacht wird - und bestimmt nicht der Weisheit letzter Schluss ist - vernünftiges Verhalten wäre ohne Emotionen überhaupt nicht denkbar.

Nicht Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmen das soziale Leben. Wie unsere Meinung über ein Ereignis (z.B. eine Veränderung), aber natürlich auch unsere gesamte persönliche Wirklichkeit zustande kommt, hat viel mit Aufmerksamkeit zu tun - also damit, worauf unsere mentale Taschenlampe fokussiert. Die 'Hand', die diese Taschenlampe hält, ist der präfrontale Cortex, der Bereich des Gehirns hinter der Stirn. Welche Informationen in unser Bewusstsein gelangen, hat viel mit der spontanen Bewertung bekannt/unbekannt bzw. wichtig/unwichtig zu tun. Unwichtiges ignorieren zu können ist dabei überlebenswichtig (eine Fähigkeit, die mit dem Alter schwinden kann), denn die Kapazität unserer exekutiven Funktionen ist vergleichsweise begrenzt. Bewusstsein ist mit hohen Energiekosten verbunden und wird deshalb seltener aktiviert als uns bewusst ist - wobei wir bei der rationalen Entscheidung gesehen haben, dass es gar nicht so oft gebraucht und damit (womöglich) überschätzt wird.

In jedem Fall sind unsere Wahrnehmungsfilter abhängig von der Tagesform. Und auch hier spielt die emotionale Befindlichkeit eine entscheidende Rolle. Schon wieder ...

Andererseits führt die bewusste Fokussierung der Taschenlampe auf ein Ereignis oder Ziel zu einer Ausblendung anderer Umweltereignisse. Diese sog. Attentional Blindness - als fast schon hypnotischer Zustand - sorgt sogar dafür, dass wir im Zweifel schon mal einen Gorilla auf dem Spielfeld übersehen, weil wir so beschäftigt sind, Ballwechsel zu zählen (Gorilla-Versuch). Wir werden blind für Vorgänge oder Ereignisse, die Bedrohungen oder neue Möglichkeiten für uns bereit halten. Was bedeutet das wohl für das Prinzip Management by Objectives oder die Ankündigung von Veränderungsvorhaben?

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Wir können unsere neuronalen Trampelpfade, die sich als Verhaltensgewohnheiten ausdrücken, verlassen! Verschaltungen im Gehirn sind nicht final, sie können sich ändern. Wir bezeichnen das als Lernen. Über funktionale Bildgebungsverfahren ist nachweisbar, dass nicht nur Umwelteinflüsse, sondern z.B. auch Meditation dauerhafte Veränderungen der Hirnfunktion und -struktur bewirken. Dank dieses Prinzips der neuronalen Plastizität lassen sich Bewusstsein und Persönlichkeit durch rein mentale Arbeit gezielt verändern. Und so muss niemand als der enden, der er heute ist. Die Veränderungswilligkeit des Gehirns nimmt mit zunehmendem Alter jedoch ab, wobei dies im evolutionären Kontext mehr feature ist als bug. Schließlich soll nicht jede kleine neue Information den bestehenden Erfahrungskontext ins Wanken bringen können.

Die Mär vom alles bestimmenden Gen ist inzwischen als solche entlarvt. Tatsächlich spielen Gene, deren Umwelt und menschliches Verhalten munter Ping-Pong miteinander. Hier ist zum Beispiel bekannt, dass Risikobereitschaft - psychologisch: die Offenheit für neue Erfahrungen, oder hier einfach Veränderung - auch Folge eines bestimmten Gens ist, das seinerseits dafür sorgt, wie lange der Neuromodulator Dopamin im Stoffwechsel verbleibt. Dieses Gen, wohlgemerkt, determiniert nicht das Verhalten des Menschen, aber es ist ein wichtiger Faktor.

Dopamin ist generell für das menschliche Motivationssystem von entscheidender Bedeutung. Es wird beispielsweise ausgeschüttet durch Gesehen werden, Anerkennung und Wertschätzung oder Empfangen und Geben von Zuwendung. Bereits die Vorstellung eines lohnenden Ziels führt zu Dopamin-Ausschüttung und zur Aktivierung des Motivationssystems.

Demgegenüber kann ein Verlust oder Mangel an zwischenmenschlichen Beziehungen das menschliche Motivationssystem abstürzen lassen und das Stresssystem aktivieren. Es kommt zur Ausschüttung von Alarmbotenstoffen wie Noradrenalin. Ein Gefühl der Sinnlosigkeit macht sich breit. Erzwungene Isolation über einen längeren Zeitraum führt sogar zur Abschaltung von Genen an der Dopaminachse und damit zu einem dauerhaften Zusammenbruch des menschlichen Motivationssystems.

Es sind Faktoren wie diese, die das menschliche Verhalten in Veränderungsprozessen bestimmen. Ihr eigenes übrigens auch ...


Über den Autor: Arvid Leyh ist Wissenschaftsjournalist mit Schwerpunkt Mind Sciences und Autor von Braincast, dem vermutlich längsten Hörbuch zum Thema Gehirn - und mit über 120.000 Downloads pro Monat wohl auch das meist gehörte. Arvid Leyh arbeitet unter anderem mit Gehirn & Geist, dem Fachmagazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft zusammen.

Seminar zum Thema:

Change-Prozesse im Spiegel der Mind Sciences [ Info ] - gemeinsam mit Arvid Leyh