Dr. Reinhard Schmitt & Kollegen

Überleben

von Reinhard Schmitt

Worin besteht der Zweck von Organisationen? Warum existieren Unternehmen? Würden Sie diese Fragen sich und Ihren Kollegen stellen, d.h. jenen Akteuren die zum Erhalt des Unternehmens maßgeblich beitragen und möglicherweise sogar an dessen Zustandekommen beteiligt waren, erhielten Sie wahrscheinlich eine lange Liste von Antworten. Viele dieser Aussagen ähnelten einander. Einige fielen jedoch sehr unterschiedlich aus oder konkurrierten sogar miteinander. Trotzdem betrachten Sie und Ihre Kollegen 'Ihre' Organisation als für Sie wirksames Mittel zu völlig subjektiven und dabei unterschiedlichen Zwecken.

All dies wäre jedoch ohne den einen übergeordneten Zweck hinfällig, und dieser Zweck ist schlicht und ergreifend Überleben. Erst wenn dieser primäre Zweck erfüllt ist, haben nachrangige subjektive Zwecke im Sinne von 'besser' überleben oder gar 'gut' leben wieder eine Bedeutung. Die Begriffsähnlichkeit von Organismus und Organisation kommt nicht von ungefähr. Schließlich sprechen wir auch von staatlichen Organen oder von Körperschaften und bezeichnen im Englischen ein Unternehmen als corporation. Grund genug, sich mit weiteren Ähnlichkeiten zu befassen.

Organisationen mögen ursprünglich zur Erreichung eines konkreten sachlichen Ziels gegründet worden sein, aber sobald der Gründungsprozess abgeschlossen ist, entwickeln sie eine Eigendynamik, die letztlich nur auf ein Ziel hin ausgerichtet ist: Selbsterhalt. Und soweit die Organisation innerhalb eines Wirtschaftssystems bezahlte Mitarbeiter beschäftigt, braucht sie für diesen Selbsterhalt Geld. Das Ausbleiben der für die Weiterexistenz notwendigen Zahlungen ist fast immer der letzte Grund, warum eine Organisation 'stirbt'. Oft ist dies jedoch nur die mittelbare Folge davon, dass die Organisation relevanten Umweltanforderungen nicht (mehr) gerecht wurde. Wie in der Biologie handelt es sich dabei um einen evolutionären Prozess, der von den drei Prinzipien Variation, Selektion und Retention bestimmt wird.

Ein bestimmter Typ von Umwelteinflüssen oder -störungen löst in der Organisation zunächst eine Bandbreite von Reaktionen aus - samt den damit verbundenen internen Veränderungen. Dabei handelt es sich gewissermaßen um Versuche, mit der 'Irritation' fertig zu werden (Variation des Verhaltens). Die Bandbreite von Reaktionen kann durch einen willentlichen Akt von Mitgliedern der Organisation eingeschränkt werden - z.B. dann, wenn Geschäftsführung und Marketingleitung beschließen, eine geplante Produktlinie nicht mehr weiter zu verfolgen (was genau genommen aus Sicht der Organisation lediglich eine weitere Irritation darstellt). Als tauglich, passend oder gar erfolgreich eingestufte Reaktionen werden bei erneutem Auftreten ähnlicher Störungen wiederholt, andere dagegen verworfen. Vieles geschieht dabei in selbstorganisierten Prozessen, d.h. es wird nicht bewusst selektiert, sondern Selektion passiert.

Tritt ein bestimmter Typ Umweltereignis wiederholt auf, stabilisieren sich 'taugliche' Reaktionsschemata und werden zu Routinen (Retention). Entscheidend ist bei diesem evolutionären Vorgang, der auch als Lernprozess bezeichnet werden kann, der Begriff 'tauglich'. Es geht - und dies wird den einen oder anderen Leser nun seinerseits etwas irritieren - nicht darum, die aus einer bestimmten (subjektiven) Perspektive 'beste' Lösung für ein Problem zu finden und beizubehalten, sondern um irgendeine wirksame Lösung.

Als beispielsweise 1970 rund 300.000 km von der Erde entfernt das überlastete Luftreinigungssystem von Apollo 13 ("Houston, wir haben ein Problem!") umgebaut werden musste, standen für die Herstellung eines Adapters nur an Bord vorhandene Gegenstände wie Tüten, Klebeband, Flugpläne usw. zur Verfügung. Ich bin mir sicher, dass damals einige Leute angesichts der Ereignisse ziemlich irritiert waren. Trotzdem erarbeitete das Bodenzentrum in Houston unter enormem Zeitdruck und nach vielen Variationen eine Prozedur, die an die Crew gefunkt und von dieser erfolgreich nachgebaut wurde (Selektion). Ob es sich dabei um die beste Lösung handelte? Egal, es hat funktioniert ... und ich bin mir sicher: Wäre bei Apollo 14 ein ähnliches Problem aufgetreten, hätte man auf die gleiche Lösung zurückgegriffen (Retention).

Die derzeitige Wirtschaftskrise stellt eine Irritation dar, die die meisten Organisationen vor ein ganz fundamentales Problem stellt: Sie verfügen über kein passendes Reaktionsschema, denn "so etwas hatten wir noch nie". Im Sinne des evolutionären Prinzips ist dies jedoch der denkbar schlechteste Zeitpunkt, in Schockstarre zu verfallen. Variation ist angesagt! Probieren Sie aus! Gehen Sie ungewöhnliche Wege - mögen sie zunächst auch noch so abwegig erscheinen. Ob diese Wege tauglich sind, können Sie jetzt noch nicht wissen. Dies wird sich erst im Laufe der Zeit erweisen. Dabei können und müssen Sie nicht alles im Griff haben. Vertrauen Sie auf die Selbstorganisationsfähigkeit Ihrer Mitarbeiter und Kollegen. Der Mensch ist ein erfindungsreiches Kerlchen, wenn's drauf ankommt. Und ganz wichtig: Suchen und fördern Sie Zusammenarbeit, denn Kooperation wird inzwischen als heißer Kandidat für die Aufnahme in die 'Hall of Fame' der evolutionären Prinzipien gehandelt. Das ging Darwin irgendwie durch die Lappen.

Ergänzend dazu auf YouTube: Fritz B. Simon, Veränderungsprozesse und Anpassung
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Seminare zum Thema:

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