Dr. Reinhard Schmitt & Kollegen

Motivation auf Droge

von Reinhard Schmitt

Was empfinden Menschen als lohnend? Was motiviert sie ... und was nicht? Warum opfern sich manche Menschen für ihre Ziele auf (und das nicht nur im übertragenen Sinne), während andere in Teilnahmslosigkeit und Lethargie verfallen? Welche Kräfte sind da am Werk? Gibt es hinter all den individuellen Ausprägungen von Motivation eine Gemeinsamkeit, die uns alle verbindet?

Der Mensch verfügt über ein zentrales Motivationssystem, das seinen Sitz im wesentlichen im Mittelhirn hat und - wenn wundert's - über gute Kontakte zu den Emotionszentren verfügt. Diese teilen dem Motivationssystem mit, ob die Umwelt Ziele in Aussicht stellt, für die es sich einzusetzen lohnt. Ist dem so, greift der menschliche Organismus auf körpereigene Drogen zurück. Er schafft suchtähnliche Bedingungen durch die Ausschüttung von Substanzen, die in ihrer Wirkung mit körperfremden Drogen durchaus mithalten können und nicht ohne Grund Ähnlichkeiten in der Namensgebung aufweisen.

An erster Stelle steht der Botenstoff Dopamin, der den Organismus psychisch und physisch in einen Zustand von Konzentration und Handlungsbereitschaft versetzt. Dopamin ist darauf ausgelegt, ein lohnendes Ziel zu erreichen. Bereits die Vorstellung eines lohnenden Zieles führt zu Dopamin-Ausschüttung und zu einer Aktivierung des Motivationssystems. Zusätzlich werden weitere körpereigene Botenstoffe, so genannte endogene Opioide (z.B. Endorphine) freigesetzt. Sie haben eine Wirkung, die derjenigen von Opium oder Heroin entspricht, wobei die Dosierung feiner abgestimmt ist. Sie hat keine betäubende oder einschläfernde Wirkung, sondern lediglich einen sanften, wohltuenden Effekt. Endogene Opioide wirken auf die Emotionszentren des Gehirns, sie haben positive Effekte auf das Ich-Gefühl, auf die emotionale Gestimmtheit und die Lebensfreude. Zudem vermindern sie die Schmerzempfindlichkeit und stärken das Immunsystem. Letztendlich produziert das Gehirn einen dritten, überaus bedeutsamen Wohfühlbotenstoff namens Oxytozin, der über ein ausgeprägtes Glücks- und Genusspotenzial verfügt. Ebenso wie die Opioide ist Oxytozin darauf ausgerichtet, Erreichtes zu bewahren.

Die entscheidende Frage ist: Gibt es typische, für alle Menschen gleichermaßen zutreffende Lebensumstände, die eine Ausschüttung dieser körpereigenen Drogen und damit eine Aktivierung des menschlichen Motivationssystems verursachen? Die Antwort ist 'Ja' und darüber hinaus ziemlich verblüffend: Zur Ausschüttung von Dopamin kommt es durch 'Gesehen werden', Anerkennung und Wertschätzung sowie Empfangen und Geben (!) von Zuwendung. Opioide werden freigesetzt bei Nähe und Zuneigung durch Menschen, mit denen eine vertraute Bindung besteht oder die in sowohl physischen als auch psychischen Schmerzsituationen Hilfe in Aussicht stellen. Zur Freisetzung von Oxytozin kommt es bei allen Formen freundlicher oder gar zärtlicher Interaktion (psychisch und/oder physisch) sowie bei realem oder imaginärem Kontakt mit Menschen, von denen solche Handlungen erwünscht werden. Im Falle Vertrauen stiftender oder bindungseinleitender Begegnungen wird Oxytozin verstärkt produziert. Darüber hinaus sorgt es für die rückwirkende Stabilisierung einer solchen Begegnung durch Erhöhung der Bereitschaft, Vertrauen zu schenken und sich im Sinne der Bindung einzusetzen oder sogar aufzuopfern. Nicht umsonst wird Oxytozin gemeinhin als Bindungshormon bezeichnet.

Unser Motivationssystem scheint in erheblichem Maße auf soziale Interaktion sowie die Anbahnung und Bewahrung zwischenmenschlicher Bindungen ausgelegt zu sein. Werden wir dieser Beziehungen beraubt, führt dies zu einem Absturz des Motivationssystems. Dopamin, Oxytozin- und Opioid-Spiegel sinken. Im Falle einer Trennung von Menschen, denen wir uns sehr verbunden fühlen, versetzt diese Trennung unseren Körper in einen Zustand, der einem Drogenentzug gleichkommt.

Durch Veränderungen in Unternehmen werden häufig etablierte Arbeitsbeziehungen zwischen Menschen getrennt. Sind diese Beziehungen den Betroffenen sehr wichtig, ist ansatzweise mit Verhaltensmustern von Junkies auf Kaltentzug zu rechnen. Übertragen gilt dies auch für Beziehungen zu Themen, Methoden, Projekten, IT-Lösungen und anderen realen wie imaginären Objekten, in denen das Herzblut der Betroffenen steckt. Kaum jemand gibt sein Baby freiwillig her.

Seminar zum Thema:

Change-Prozesse im Spiegel der Mind Sciences [ Info ] - gemeinsam mit Arvid Leyh