Dr. Reinhard Schmitt & Kollegen

Jetzt lasst uns endlich mal vernünftig sein!

von Reinhard Schmitt

Der Mensch verhält sich stets rational im Sinne der eigenen Nutzenmaximierung ... so die althergebrachte Meinung. Diesen Irrglauben haben u.a. Experimente aus der Spieltheorie eindeutig widerlegt. Das Ultimatumspiel zeigt besonders anschaulich, wie Menschen in einer Verteilungssituation auf persönlichen Gewinn verzichten, wenn Sie damit andere Beteiligte, die aus ihrer Sicht in unfairer Weise begünstigt würden, bestrafen können. Ökonomen werten dies als “fehlende Zweckrationalität menschlichen Entscheidungsverhaltens“.

Damit kollidiert die Ökonomie mit unserer Stammesgeschichte, die seit Jahrmillionen Fairness als zwingend notwendige Basis von Kooperation bewertet. Dementsprechend zeigt die neuronale Aktivität im Gehirn eines Probanden, der während des Ultimatumspiels ein unfaires Angebot ablehnt, deutliche Signale in einem Areal, das beim Empfinden von Ekel aktiv ist. Die soziale Emotion 'Verachtung' wird offensichtlich ähnlich verarbeitet wie sensorische Reize nach einem Schluck saurer Milch. Begleitet wird dies von Aktivitäten im obersten Emotionszentrum (anteriorer cingulärer Cortex) und im präfrontalen Cortex, der immer dann relevant ist, wenn überdachte Entscheidungen gefällt werden.

Die Funktion des präfrontalen Cortex ist bei der Beurteilung sozial angemessenen Verhaltens von entscheidender Bedeutung. Eine temporäre Deaktivierung durch repetitive transkranielle Magnetstimulation führt dazu, dass Versuchsteilnehmer während des Ultimatumspiels nicht mehr erkennen, wann sie übers Ohr gehauen werden. Gleichzeitig nehmen sie unsoziales Verhalten auch an sich selbst nicht mehr wahr. Besonders anschaulich zeigt dies der Fall des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage, dessen präfrontaler Cortex bei einem Arbeitsunfall von einer Eisenstange durchbohrt und damit weitgehend zerstört wurde.

Fazit: Menschen beurteilen das Ergebnis von Projekten nicht nur nach ihrem persönlichen Nutzen, sondern auch nach der Fairness der Nutzenverteilung unter allen Beteiligten. Sind Menschen der Meinung, es ginge unfair zu, nützt wiederholtes Betonen der persönlichen Vorteile ebenso wenig wie Appelle an Objektivität und Vernunft. Erschwerend kommt hinzu, dass die Schwelle, ab wann ein Verteilungsergebnis als unfair eingestuft wird, persönlichkeits- und kulturkreisabhängig ist.

All jenen, denen dies zu kompliziert erscheint, bietet sich eine wirksame Alternative: Entfernt dem Menschen jenen Hirnteil, der ihn anerkanntermaßen erst zum Menschen macht, und der Mensch handelt endlich rational!

Seminar zum Thema:

Change-Prozesse im Spiegel der Mind Sciences [ Info ] - gemeinsam mit Arvid Leyh